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muay thai sakhomsin

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TRAINING





Der Boxring ist ihre Wohnstube, die Punches und Kicks sind ihre täglichen Gebete. Im Sakhomsin-Gym lernen die Buben die Kunst des Muay Thai. Ihr Ziel: als Champion im Ring zu stehen.



Text & Fotos: Claudia Langenegger




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Muay Thai, das thailändische Boxen, ist viel mehr als nur ein Sport. Die Alltagskultur wie der Reis, die Suppenküchen, die Tempel und die Liebe zum König.  Ob an Volksfesten, am Geburtstag der Königin oder an Tempelfeiern – Boxen gehört immer auch dazu. Muay Thai ist zudem stark mit der buddhistische Religion und dem Volksglauben verbunden, die Kämpfer tragen heilige Bänder und werden vor jedem Kampf gesegnet.

Thais lernen ihre Kampfkunst von klein auf.
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Im Sakhomsin-Gym leben zwölf Schüler, der jüngste ist zehn, der älteste neunzehn Jahre alt. Die meisten Jungs stammen aus dem Isaan, die ärmste Region Thailands. Sie leben hier weit weg von ihren Eltern und Geschwistern, das Gym ist ihre neue Familie.

Die Jungs trainieren bis zu fünf Stunden täglich, auch samstags und sonntags. Das Boxen ist ihre Chance, sich und ihre Familien aus einem prekären Leben zu befreien.

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Um sechs Uhr morgens geht das  Training los: Die Joggingrunde führt zehn Kilometer durch das Niemandsland von Samut Prakan, am äussersten Zipfel der Grossraumregion Bangkok.

Die Jungs rennen an Feldern, braunen Tümpel der Crevettenzuchten und gesichtslosen Industriebauten vorbei. Ein Teil der Strecke führt zwei ungemütliche Kilometer lang am Rand der dicht befahrenen Schnellstrasse entlang. Trottoir hat es keins. Kein Problem für die Buben. Ängstlichkeit gehört nicht zu ihrem Lebenskonzept.
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Noch vor dem Frühstück üben sie
eine Stunde lang am Sack Kicks,
Tritte, Knie und Ellbogen.
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Im Muay Thai ist der Einsatz von Fäusten, Ellbogen, Knien und Füssen erlaubt. Die Paradedisziplin im Muay Thai ist der seitliche Kick mit dem Bein.


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Je höher, schneller und härter – desto besser.
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Der kleine Bon
zeigt schnell
mal vor dem
Frühstück
eine Serie
von dreissig
Kicks - in
einem
Affenzahn.


Aam hingegen
gibt nach ein
paar flauen
Versuchen auf.
Zuschauen
geht einfacher.
 

Backgroundmovie
for Smartphoners:
Bonkicksbag
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Gym-Besitzer Kru Thum und Cheftrainer Pi Neng verlangen den Kids alles ab. Was einfach aussieht, braucht unheimlich viel Kondition und Kraft.

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Herzstück jedes Trainings ist die Schlagschule. Während harten drei mal fünf Minuten schlagen und kicken die Schüler in die Pratzen ihrer Lehrer.

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Manchmal sieht es aus, als würde es weh tun. Doch Bim und Bon schreien hier nur. Das laute "Uuueee!" ist zum Anfeuern da und gibt Kraft in den Schlag. Muay Thai muss laut sein.



 
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Bim ist erst zwölf und schon ein Champ: Er hat den Titel des Champion of the South.
Fights in den grossen Stadien Bangkoks sind nur noch eine Frage der Zeit. Noch ist der kräftige Junge mit dem grossen Kämpferherz aber zu klein und zu leicht, um dort anzutreten.

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Auf der grossen Tafel steht, wer wann in welcher Gewichtsklasse kämpft. Nur selten ist die Tafel so leer wie heute, jeder Schüler steht mindestens sechs Mal pro Jahr im Ring.

Vierzig Kilo sind das Minimalgewicht im Lumphini und Rachadamnoen, den beiden grossen Stadien Bangkoks. Sie sind das Ziel jedes Muay-Fighters. Um dort Kämpfe zu kriegen, braucht man gute Beziehungen zu den Promotoren. Kein Problem für Sakhomsin-Besitzer Kru Thum. Man kennt ihn und er hat gute Kontakte, denn sein Gym hat schon etliche Champions hervorgebracht.

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Einer von ihnen ist Janrob. Der 25-Jährige wurde 2010 und 2011 Champion im Omnoi-Stadion in Bangkok, hat 150 Mal im Lumphini und im Rachadamnoen gekämpft und war mehrmals Erster auf den Stadion-Ranglisten.
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Sein Status als Champion ist das Ticket für Reisen in die weite Welt. Er hat schon in Japan, Frankreich, Finnland, Italien, China, Macao und Deutschland gekämpft.

Ist ein Fight angesagt, trainiert er mit den Kids. Das Sakhomsin ist sein zweites Zuhause.
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«Ich habe als Junge auch hier gewohnt», sagt Janrob und erzählt mit einem verschmitzten Lachen im Gesicht, wie schwierig es für ihn zu Beginn war.

«Am Anfang habe ich immer geweint und habe gebettelt, dass ich zum Schlafen nachhause gehen kann.» Doch damit war nichts. Obwohl sein Elternhaus nur ein paar Minuten vom Sakhomsin-Gym entfernt lag. Alle Schüler werden hier  gleich behandelt.

An der Wand des Schlafraumes hängt noch immer ein gerahmtes Bild von ihm. Damals war er 17 und der aufgehende Stern des Gyms. Heute wohnt er wieder bei seiner Familie.

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Die Unterkunft ist einfach, die Schüler schlafen zusammen in einem grossen Raum. Seit kurzem hat es ein paar Bettgestelle, die meisten Matratzen liegen nach wie vor am Boden.

Das Muay Thai Gym ist für die Kids gratis, wie überall in Thailand. Der Gym-Besitzer Kru Thum verdient erst etwas, sobald sie Preisgeld: Die eine Hälfte behält er, die andere geht an die Kinder und ihre Familien.



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Der 19-jährige Kong ist der älteste Schüler, der hier lebt. Kru Thum hat ihn aus einem Gym in Roi-Et ausgeliehen und bringt ihn nun in die grossen Stadien Bangkoks.
Das lohnt sich für alle. Alle verdienen daran: am Preisgeld und bei einem Sieg auch mit den Wetteinsätzen. Bei den Fights wird immer auf die Boxer gewettet.

Background-Movie for Smartphoners:
Kong is skipping

 

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Der sechzehnjährige Wan ist ebenfalls aus Roi-Et und kämpft nun dank Kru Thum regelmässig in Bangkok.

Die Handschuhe werden hier so lange gebraucht, bis sie auseinanderfallen.


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Wieviele Boxer gibt es in Thailand?
«Too many» antwortet Neng und lacht. Ungefähr? «Too many» wiederholt er und schüttelt lachend den Kopf. Es gibt in Thailand schätzungsweise 60'000 aktive Muay-Thai-Fighter, dazu kommen zahllose ehemalige. Auch Neng ist einer von ihnen. Er hat 303 Kämpfe in seinem Palmarès, 120 davon im Lumphini und Rachadamnoen.

Im Sakhomsin hat er schon viele Schüler zu Champions trainiert. Im Lumphini gab's auch schon mal 100'000 Baht Preisgeld. Heute ist das für ihn ein Jahreseinkommen. 

Er war schon in Bahrain, China und in Koh Phangan engagiert. Seine Heimat als Trainer ist aber das Sakhomsin, hierher kehrt er immer zurück.
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Vorher/Nacher Ansicht

Kru Thum sieht im Ring oft aus wie ein wildgewordenes Ungeheuer. Das Schreien und die Gegenattacken gehören zum guten Training.
Mit gutmütigem Gesichtsausdruck schaut er danach seinen Schülern zu.

Kru Thum, furchteinflössend. Oder doch nicht?
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Bim und Dong (rechts) schenken sich nichts. Jeder will gewinnen. Auch im Training.

Was in anderen Boxarten nicht erlaubt ist, gehört im Muay Thai dazu: das Clinchen. Dabei hält man den Gegner fest, um ihn kontrollieren zu können, mit Kniestössen zu malträtieren, oder um ihn an den Boden zu werfen.


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Zum Muay Thai gehört auch die hohe Kunst, den Gegner zu Boden zu werfen. Bim hat den Fuss von Plüün zu packen gekriegt, dieser fliegt in schönem Bogen in den Ring.
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Aam (rot) und Bon (schwarz) geben's einander. Aam, der sich am Boxsack und bei den Situps meist ziemlich faul zeigt, geht in diesem Trainingskampf erstaunlich gut und  gnadenlos drauflos. Plüün macht den Ringrichter.

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Im Ring sind die Jungs
gnadenlose Einzelkämpfer....
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...daneben aber eine fürsorgliche und liebevolle Gemeinschaft. Sie helfen einander gegenseitigbeim Dehnen...
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...massieren einander Beine, Arme und Rücken...
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...bringen in den
Ringpausen Wasser...
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...und halten beim Kicken den Boxsack füreinander fest.
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Muay Thai bedeutet für jeden Schüler der Bitterernst des Lebens. Es geht um ihre Zukunft und ihre Familien. Und doch findet man hier keine harte Verbissenheit vor, und auch keinen bissigen Drill, wie häufig in westlichen Thaibox-Gyms.

Die manchmal sehr verspielte Atmosphäre hat vor allem mit der Mentalität der Thais zu tun. Und wohl auch damit, dass die kleinen Kämpfer hier nicht mit existentiellen Sorgen ihrer Eltern belastet werden. Sie können zur Schule gehen und müssen nicht arbeiten, wie viele andere Kinder im Isaan, woher die meisten Sakhomsin-Kids stammen.
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Krönender Abschluss
jedes Trainings sind
die 150 Situps.
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Und bald darauf liegen die Jungs kreuz und quer auf ihren Betten und kleben an ihren Phones. Sie spielen, chatten, posten auf Facebook weichgezeichnete Selfies, erzählen vom Heimweh, dass sie single sind oder nächstens einen Fight haben.
Um neun sammelt ihr Lehrer Neng die Geräte ein. "Sonst schlafen sie nicht und sie haben am nächsten Tag keine Kraft."
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                      Wo geschwitzt wird, wird auch 
                      geduscht. Zwei Mal pro Tag
                      waschen sich die Buben.
                      gründlich, seifen sich ein,
                      putzen die Zähne.
                     
                     Eine Dusche wie diese ist in
                     Thailand Alltag:
                     ein Trog wird mit Wasser gefüllt,
                     mit dem kleinen Becken übergiesst
                     man sich mit dem lauwarmen Wasser.

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Und einmal pro Tag
verwandeln sich die
kleinen Kämpfer in
ganz normale Schulbuben.

Brav ziehen sie ihre
gebügelten Hemden,
die braunen Hosen, knielangen
Socken und geschlossenen Schuhe an. 
Auch bei Tropenhitze und 36 Grad
am Schatten sind in Thailand
Socken angesagt.
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Der Boxring ist auch die Wohnstube der Jungs. Am Samstag und Sonntag, wenn sie nicht zur Schule gehen müssen, hängen sie nach dem Morgentraining hier herum, lesen Zeitung, schlagen Resultate von Kämpfen nach, dösen und verbringen gemeinsam ihre freien Stunden.
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...oder dann heisst es rumliegen wie die toten Fliegen. Viel mehr geht in der brütenden Sommerhitze eh nicht.
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Und sie sind auch
richtig gute Showmen.
Aam, Plüün und Bim
werfen sich in Pose.


Im Ring grosse Kämpfer,
im Training ehrgeizig,
und daneben Kinder,
die gerne rumblödeln...
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...und sie haben aber immer ihr grosses Ziel vor Augen. Sie sind auf dem verheissungsvollen Weg zu Champions, von denen sie tagtäglich umringt sind: Diese stehen als Pappfiguren neben dem Ring und pflästern auf unzähligen Fotos die Betonpfosten des Gyms.

Der nächste Kampf ist bald.
Bis dann, im Ring.






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Text & Bilder:
 © Claudia Langenegger
Bern & Bangkok, 2015

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«The wild bunch of Sakhomsin» is a big big thank you to Kru Thum, Pi Neng and all the boys of Sakhomsin-Gym in Samut Prakan and their big-hearted and warm welcome.

Special thanks goes to Kru Thum who let me enter the ring, Pi Neng who told me to come, Janrob who let me use his champion-gloves from Japan, the boys who brought me a glass of chocolatemilk in the morning and to everyone who tought me a word of thai. I miss you every day.


***

The wild Bunch of Sakhomsin ist Teil des Reportageprojekts «The Colours of Muay Thai», das Geschichten aus dem Alltag des thailändischen Boxens erzählt.
 
In Planung & Bearbeitung:
Boys of Sakhomsin – der Kampf.
Phetjeejaa, der Diamant in Pattaya.
Janrob & die zweite Karriere im Muay Farang.


Bern,
Oktober 2015.
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